Seelsorge

Seelsorge in dem hier verstandenen Sinne beginnt in der Psychotherapie dort, wo sie die spirituelle Sehnsucht und den spirituellen Hunger des Menschen mit einbezieht.

Seelsorge meint hier die Sorge um die eigene Seele, genauer gesagt die Zuwendung zur eigenen Seele und der tiefen Sehnsucht nach ihrem Ursprung. Ein Seelsorger in diesem Sinne unterstützt den Menschen in dieser Zuwendung zur eigenen Seele, um sich selbst ein Seelsorger zu sein. Dabei stellt sich die psychotherapeutische Arbeit mit ihren Methoden in den Dienst dieser Rückverbindung (re-ligio) zum Urquell allen Seins.

Wenn ein Mensch alle äußeren Wege der Suche nach seelisch-geistiger Gesundheit, Freiheit, Frieden und Glück als Sackgasse erfahren hat und erkennt, dass das Leben solange ein Leidensweg ist, solange er das Gesetz des Wandels negiert und in den Bewegungen der Ablehnung und der Anhaftung gefangen bleibt, kann in ihm der Entschluss reifen, den inneren Weg der Selbsterforschung, der (Selbst-)Erkenntnis und der radikalen Eigenverantwortung zu gehen. 

 

Der Weg der Inneren Arbeit, den die alten Chinesen Nei Gong nannten oder der Inneren Alchemie (Nei Dan in der inneren Alchemie der Chinesischen Medizin bzw. der Stein der Weisen in der westlichen Kultur des Mittelalters) führt in die unermesslichen Tiefen des eigenen Wesens, des eigenen Geistes. Erkenntnis auf diesem Weg ist immer und untrennbar mit der eigenen unmittelbaren Erfahrung verbunden, die den Menschen Schicht um Schicht in die Mitte des eigenen Herzens und damit zum Urquell des Geistes zurückführt. 

 

Festgehaltene Emotionen legen sich wie ein Panzer um das Herz, dem Tor zum Urquell, und verdunkeln - so lehrt uns die Weisheit der ursprünglichen Chinesischen Medizin -das Leuchten und die Klarheit des Geistes, welches die wahre Natur des Menschen ist. Emotionen werden daher als innere pathogene Faktoren angesehen, die den Menschen dem Körper, der Seele und dem Bewusstsein nach erkranken lassen, wenn ihre Energie in Identifikationen und Geschichten gebunden und festgehalten werden und sich in der Folge im Körper und im Schicksal des Menschen ausdrücken. 

 
In der Inneren Alchemie, einem inneren Erfahrungs-, Bewusstseins- und Transforma-tionsprozess, der den Menschen vom Wandelbaren ins Unwandelbare führt, geht es darum, die in den Emotionen und Identifikationen gebundene Lebensenergie  und Schöpferkraft wieder freizusetzen und fließen zu lassen. Auf diese Weise können sich die Wolken, die das wahre Wesen des Menschen verdunkeln und die Herzpanzer, die das Leuchten des Geistes verhindern, auflösen und sein wahres Wesen kann offenbar werden. 

 

Der Weg der inneren Alchemie ist ein Weg ohne Ziel, der Weg selbst ist das Ziel. Es geht darum, zurückzutreten und geschehen zu lassen, sich zu entspannen, sich hinein zu entspannen in das, was ist, was immer es auch sein mag und wie unerträglich oder begehrenswert es auch sein mag. Es geht um Wu Wei, wie die alten Chinesen es nannten, um ein Nicht-Eingreifen, um ein Handeln ohne Handelnden. 

Und es geht darum, das fürchten zu lernen, furchtlos zu sein. Das bedeutet nicht, frei von Ängsten und anderen Emotionen zu sein. Es heißt vielmehr, sich inmitten von Ängsten und Gefühlsstürmen nicht mitreißen zu lassen von den bekannten Bewegungen des hin zu, weg von und gegen an. Sich nicht zu verlieren in den eigenen Geschichten, Interpretationen, Projektionen, Analysen und Erklärungsversuchen. Dabei ist wichtig zu verstehen, dass all das Genannte seinen Platz hat und nicht bekämpft werden muss. Es ist nur nicht mehr länger Selbstzweck, sondern dient als Falltür zu der inneren Tiefe und Quelle des eigenen Wesens und Seins.

Es geht darum, still und offen in all diesen Bewegungen zu verweilen, im bewussten Verzicht auf Verstehen-Wollen, Identifikationen, Ich-Identität, Ich-Sucht und kurzzeitiger Ich-Befriedigung. Fühlend und spürend  bei der puren Empfindung, der puren Energie zu bleiben, auch wenn dabei die tiefsten existentiellen Ängste berührt und durchlebt werden. In diesem Fasten des Herzens ist es möglich, die gebundene Energie freizusetzen, sich von ihr erfassen zu lassen und ihr in die tieferen Schichten der inneren Erfahrungen zurück zur wahren Natur zu folgen wie eine Welle, die zurück ins Meer fließt.